Wir haben uns also am 7. Februar abends um 21 Uhr mit allen anderen interessierten Austauschschülern in Kuala Lumpur getroffen, weil wir dann eigentlich direkt den Zug zu Batu Caves nehmen wollten. Jedoch kam die hauptverantwortliche malaysische Frau zwei Stunden zu spät, dann gingen wir natürlich noch einmal essen und haben schließlich um 1 Uhr morgens den letztmöglichen Zug genommen, was die erste nicht normale Erfahrung war. Natürlich wollten alle Menschen diesen (letzten) Zug bekommen und der Zug war unglaublich vollgestopft mit Indern und uns, insgesamt ungefähr 50 Austauschschülern. Hinzu kam, dass die Klimaanlage ausfiel und es stickig wurde, jeder schwitzte und sogar eine Frau starke Atemprobleme bekam. Jedoch kann man in einer solchen Situation nichts machen, um ihr zu helfen, es gab keinen Platz, keiner wollte aussteigen und selbst die Frau nicht, was dann das erste Mal war, wo ich über die Entschlossenheit und Stärke der Inder gestaunt habe.
Nach guten 45 Minuten kamen wir dann endlich an und das Erste, was wir sahen, waren Menschenmassen, die in unseren Zug wollten, um damit zurückzufahren! Es sah aus wie eingesperrte Tiere, die gegen die Gitter drücken und nicht herausgelassen werden können. Wirklich schlimm! Dann gingen wir auf das riesige Gelände, auf dem es unter anderem einen kleinen Freizeitpark gab, tausende Shops zum Essen und Trinken und – Friseure. Gläubige Hindus lassen sich an diesen Tagen den Kopf rasieren, deswegen sah man immer wieder in den Menschenmassen weiße Köpfe, da diese nach dem Rasieren mit einer kühlenden Paste bestrichen werden.
Irgendwann sind wir dann auf dem Hauptplatz angekommen: Solche Menschenmassen wie dort habe ich noch nie in meinem ganzen Leben gesehen! Es war echt krass und das Gedränge entsprechend groß. Hier befinden sich die Menschen, die Opfergaben zu dem Tempel bringen wollen, sich vorbereiten, indem sie schon mal den Geruch der „Räucherstäbchen“ inhalieren (die in Trance versetzen und den Schmerz (!) lindern sollen), tanzen und die Opfergaben vorbereiten. Es gibt verschiedene Arten des ‘Kavadi’ (= Opfergabe):
Das einfachste ‘Kavadi’ ist wohl ein Kännchen mit Milch, das mit einem gelben Tuch verschlossen auf dem Kopf getragen wird! Nein, nicht freihändig, es wird schon mit einer Hand festgehalten.
Außerdem gibt es ein Gestell aus gelb angestrichenem Holz in Form eines Halbkreises. Dieses Kavadi ist geschmückt, teilweise mit Pfauenfedern oder Opfergaben für den Gott Murugan und wird auf den Schultern getragen. Oft tragen die gläubigen Pilger auch kleine Speere, die durch Wangen oder Zunge gestochen werden oder Haken, die am Rücken befestigt werden. An den Enden der Haken sind Seile befestigt und erinnerten mich an die Zügel beim Reiten. Dieser Schmerz erinnert die Gläubigen also ständig an den Glauben zu ihrem Gott (jedoch ist dieser Schmerz eher symbolisch gemeint, da sie durch die „Räucherstäbchen“, die sie die ganze Zeit einatmen, keinen Schmerz fühlen, zum Glück!).
Das wohl Schmerzhafteste, Spektakulärste und Atemberaubendste ist das ‘vel kavadi’. Dabei wird ein tragbarer Altar – der bis zu 2 Meter hoch sein kann – auf den Schultern getragen und mit 108 sogenannten Vels am Rücken und Oberkörper festgemacht. Diese Vels werden durch die Haut gestochen. Diese unfassbare Belastung ist nur durch einen Trancezustand auszuhalten, in dem sich die Gläubigen befinden und der auch dafür sorgt, dass die Wunden nicht bluten und keine Narben zurückbleiben. Diese Altäre wiegen bis zu 70 kg! Aus diesem Grund werden die vel kavadis meist von mehreren Helfern und auch der Familie begleitet, die oft auch einen/mehrere Plastikhocker mit sich tragen, um dem tragenden Mann des ‘vel Kavadi’ zwischendurch immer mal wieder eine Verschnaufspause zu gönnen. Oft hört man auch die Rufe ‘vel vel, vel vel’ von den Gläubigen. Vel bedeutet so viel wie Schwert und geht auf einen Mythos des Gottes Murugan zurück.
Schließlich haben wir es doch geschafft und uns einen Weg durch die Massen gebahnt, was allein ziemliche Arbeit ist, da man Fotos machen will, jedoch gleichzeitig den Anschluss an unsere AFS-Gruppe nicht verlieren darf und am besten die Schultern seines Vordermannes festhält, da sich sonst lange Menschenschlangen vor einen drängeln und man gar nicht mehr vorwärts kommt.
Das Krasseste war dann, als eine Frau zu den typisch schweren Trommelschlägen tanzte und auf einmal einfach so in die Arme einer anderen Frau kippte. Zuerst hat mich das nicht so gewundert, bei der Hitze ist es ja nicht verwunderlich, dass jemand umkippt. Jedoch fing sie dann auf einmal an zu schreien und um sich zu schlagen. Ein Mann kam, drückte der Frau einen weißen Punkt auf die Stirn und plötzlich ging es der Frau wieder gut! In diesem Moment war ich nahe daran, an ‘Zauberei’ zu glauben. Danach wurde mir erklärt, dass sich die Frau in Trance getanzt hat, das mit dem Punkt konnte mir aber keiner erklären. Das war dann das Krasseste der ganzen Nacht!
Dann sind wir den (Menschen-)Zügen gefolgt, die zum Eingang der Höhlen ‘gepilgert’ sind. Diese Züge ziehen sich dann z.B. von dem hinduistischen Tempel Sri Mahamariamann im Zentrum von Kuala Lumpur ca. 15 km bis zu den Batu Caves. Sie beginnen abends. Den ganzen Weg lang, tragen diese Gläubigen Opfergaben zu den Batu Caves. Unterwegs findet man Firmen und Vereine als Versorgungsstationen, um den pilgernden Gläubigen etwas zu trinken oder zu essen mit auf den langen Weg zu geben. Diese Züge sind ein einziges Farbenmeer und es ist total schön, den Menschen einfach zuzuschauen und ihre bunte Kleidung zu bestaunen
Um ca. 6 Uhr morgens haben wir dann total erschöpft die Treppe zu den Höhlen erreicht, die von unten wie ein richtiges Lichtermeer aussah. Jedoch waren diese Treppen alles andere als sicher, die Stufen schmal und voll mit Menschen, verlorenen Schuhen und manchmal kleinen brennenden Sachen, die von den Altären heruntergefallen sind. Wenn man sich dann vorstellt, dass ein Mann mit einem ‘vel kadavi’ das Gleichgewicht verlieren und rückwärts umkippen würde, denkt man besser nicht weiter! Die Höhle besteht aus 2 Tempeln und mehreren Gebetsstellen. Sind die Gläubigen in der Höhle angelangt, haben sie es geschafft
Im Übrigen ist es auch keine Seltenheit, Menschen zusammenbrechen zu sehen, bei dieser Menschenmasse, der Hitze, der Musik und den tranceähnlichen Zuständen kein Wunder.
Wieder unten angekommen, sind wir dann erst einmal etwas Essen und Trinken gegangen. Zwar etwas außerhalb der Massen, aber immer noch zentral, wo auch die Leute, die mehrere Tage dort blieben, einfach so auf Zeitungen auf dem Boden geschlafen haben, mitten zwischen den Menschen und dem Lärm.
Um ca. 7 Uhr morgens mussten wir dann am Bahnhof in die von Gittern eingeschlossene wartende Menschenmasse, die ich schon bei der Ankunft mit dem Zug beobachtet hatte. Dieses war für mich das Unangenehmste an diesem Erlebnis, da man als weißer Mensch einfach Aufsehen erregt, die Inder dann freundlich-aufdringlich sind und man total eingequetscht zwischen ihnen ist. Um ca. halb 9 sind wir dann glücklich, total erschöpft bei unseren zweiten Gastfamilien in Kuala Lumpur angekommen und haben zuerst eine Dusche und ein Bett genossen.
Zum Abschluss meines Berichts noch die ersten Zahlen in Tamil, natürlich mit unseren Buchstaben aufgeschrieben
1 – Une 6 – Are
2 – Rende 7 – Ele
3 – Mune 8 – Yete
4 – Nale 9 – Ombothe
5 – Anje 10 – Pathe
Insgesamt kann ich nur sagen, dass es eine tolle Erfahrung ist, nicht als Tourist ein Land zu sehen, sondern mit den Augen eines Einheimischen, da man ganz andere Erfahrungen macht und das richtige Leben mitbekommt!

























