„Einmal wurde ich gefragt, ob es hier eigentlich mehr Reisfelder als Einwohner gibt, ich habe spontan mit „Ja“ geantwortet“
Endlich, nach fast zwei Monaten melde ich mich auch einmal wieder und es tut mir sehr leid für die Verspätung. Das Hauptproblem war, dass es bei uns durch das Dach ins Haus geregnet hat und natürlich genau auf den einzigen Computer im Haus, was für ein dummer Zufall! Na ja, jedenfalls muss ich jetzt immer erst Freunde besuchen, um schreiben zu können. Neulich habe ich festgestellt, dass ich meine Monate in Malaysia jetzt an einer Hand abzählen kann und das hat mir schon sehr zu denken gegeben. Es kommt mir wie ein Monat vor, dass ich am Flughafen meine Familie verabschiedet habe und gleichzeitig wie eine Ewigkeit. Einerseits denke ich oft daran wie es sein wird, meine deutsche Familie und Freunde wiederzusehen, andererseits wird mir ganz anders, wenn ich daran denke, Malaysia auf unbestimmte Zeit zu verlassen.
Zuerst möchte ich noch ein bisschen über meinen Alltag und Malaysia allgemein berichten:
Häuser:
Hier gibt es mehrere Arten von typisch malaysischen Häusern: Einmal die alten Holzhäuser, die auf Stelzen stehen und wirklich nur aus einer Holzboden, -wand und -decke bestehen. In ihnen leben meistens ältere und ärmere Leute. Die Häuser sind sehr warm, nicht besonders sauber und klein. Hier leben zum Beispiel die Ureinwohner Orang Asli, aber auch normale Malayen.
Vor dem Haus meiner Gastfamilie
Außerdem gibt es Bungalows, in denen überwiegend Familien und „moderne“ Leute wohnen. Diese Bungalows besitzen meistens ein Vordach, immer von verzierten Säulen gestützt, damit man auch bei Regen draußen sitzen kann, sind aus Stein gebaut und haben Klimaanlagen und Ventilatoren, die bei den beständig hohen Temperaturen äußerst wichtig sind. Außerdem werden sie in verschiedenen Farben angestrichen und sehen von außen wirklich schön aus. In solchen Häusern leben die meisten Austauschschüler mit ihren Gastfamilien, ich eingeschlossen.
Und es gibt die Longhouses, eine Art Reihenhaus, allerdings auf Stelzen und normalerweise aus Holz gebaut, in denen die wirklich armen Menschen leben. Ich habe Freunde in einer solchen Siedlung besucht und das ist sehr krass. Die meisten dort lebenden Menschen haben früher ein besseres Leben geführt, jedoch ist dann z.B. ihre Siedlung abgebrannt und sie sollten eigentlich übergangsweise in die Longhouses ziehen, bis der Staat ihnen neue Häuser zuordnet. Allerdings leben die Menschen dort jetzt schon über 10 Jahre und die Lebensumstände sind sehr hart. Die einzelnen Wohnungen sind zwischen 20 und 30 qm groß, in denen mehrere Generationen zusammenleben. Bedingt durch die kleinen Häuser sind die Straßen voll mit Menschen, jeder Quadratmeter wird ausgenutzt und wenn es nur ist, um sich mit einer Matte auf den Boden zu legen oder seine Hängematte aufzuhängen.
Zu den Häusern allgemein möchte ich sagen, dass sie – wie vieles hier – auch zum Vorzeigen benutzt werden. Viele Leute beurteilen die Familien danach, ob sie ein großes Haus in einer guten Gegend haben oder nicht. Deswegen haben viele Häuser auch die „Vorzeigeräume“, so auch meine Familie. Das heißt einen großen Raum mit teuren Möbeln, Fernseher und Knabbersachen auf dem Tisch, alles, um sich den Besuchern so gut wie möglich zu präsentieren. Die eigentlichen und auch tatsächlich benutzten Wohnzimmer sind dann (bei mir jedenfalls) ziemlich klein, aber belebt, man hält sich dort wirklich den ganzen Tag auf.
Fernsehen:
Der Fernseher spielt hier eine große Rolle! Er wird angeschaltet, wenn man ins Haus kommt und er läuft so lange, bis der letzte aus dem Haus geht. Ich wundere mich auch nicht mehr, wenn mitten in der Nacht der Fernseher angeschaltet wird, weil meine Schwester aufgewacht ist oder so. Es gibt hier zehn Standardprogramme, alle anderen muss man kaufen. Von diesen zehn TV-Programmen funktionieren im Schnitt aber nur fünf, da der Empfang von Fernseher, Internet und Radio vom Wetter und den Wolken abhängig ist. In manchen Häusern geht der Fernseher gar nicht mehr, bei uns ist er verpixelt, manchmal fällt eine Farbe aus, wirklich nervig. Im Fernsehen laufen dann die typisch malaysischen Serien, in denen es um Liebe, (Zwangs)Heirat, Streit mit den Eltern, die Ehre und natürlich Unfälle und den Tod geht. Die meisten Kanäle sind muslimisch, allerdings laufen auch manchmal Bollywood-Filme/Musik oder chinesische Serien. Ich kann mich hier mit dem Fernsehen zur Unterhaltung gut anfreunden und das ist auch notwendig, da man mit der Familie gemeinsam schaut. Nach der Schule wird z.B. eine Serie geschaut, dann von 18-19 Uhr und von 20-21 Uhr Nachrichten und anschließend entweder wieder Serien oder manchmal amerikanische Filme, allerdings nur die sehr berühmten, die ich normalerweise schon kenne.
Restaurants:
Die Küche eines Restaurants
Es gibt hier an jeder Straßenecke typische Restaurants, in denen es eigentlich immer dasselbe Essen gibt. Die Restaurants sind für europäische Verhältnisse sehr günstig, ein Essen kostet nicht mehr als 5-6 Ringgit, das sind dann 1 – 1.50 Euro, jedoch sind sie auch nicht mit europäischen Restaurants zu vergleichen. Die Küchen sind alles andere als hygienisch, man sitzt auf Plastikstühlen, muss oft zum Bestellen und Bezahlen aufstehen und bekommt das Essen auf Plastiktellern serviert. Aber ich finde es insgesamt besser als in Deutschland, da man viel unabhängiger ist, wenn man was essen will: Man weiß schon was es gibt, es ist nicht so teuer und ausnahmslos lecker! Mein Lieblingsessen ist: Nasi Goreng Kampung (Gebratener Reis mit Ei) mit Ikan Bilis (eine kleine salzig-gebratene Fischart), Mi Goreng (gebratene Nudeln), Pulut Ayam (klebriger Reis mit Hühnchen), natürlich die Standard-Frühstücksgerichte Nasi Lemak (Reis mit Chillisoße, Ikan Bilis, Erdnüsse und Ei), und Roti Canai (mehrschichtige Crêpe mit Currysoße oder Honigmilch). Jedenfalls ist alles total lecker und ich weiß jetzt schon, dass ich das gute Essen hier sehr vermissen werde, wenn ich wieder in Deutschland bin.
Religionen:
Das in Malaysia so viele Religionen zusammenstoßen ist einerseits sehr schön, gerade auch für Austauschschüler, da wir alle Feste mitfeiern können und viel über die Religionen lernen können. Allerdings ist nicht alles so übereinstimmend, wie es von außen betrachtet immer aussieht. Natürlich versucht die Malaysische Regierung – wie viele andere asiatische Länder – nach außen hin einstimmig und gut dazustehen, aber wenn man länger hier lebt, mit verschiedenen Leuten zu tun hat und die Sprache versteht, bekommt man dann doch auch Unstimmigkeiten mit. Die Muslime beschweren sich darüber, dass die Chinesen besser wirtschaften als sie und deshalb oftmals reicher sind, Inder und Chinesen wollen mehr politische Macht und so weiter. Es ist bei all den verschiedenen Meinungen nicht immer leicht für mich, unparteiisch zu bleiben. Als „Weißer und Unwissender“ sollte man sich lieber aus diesen Sachen heraushalten, genauso wie nie etwas Negatives sagen. Trotzdem gibt es viele Dörfer, in denen alle Kulturen zusammenleben und zusammen Feste feiern, was eine tolle Atmosphäre ist und die Kinder dann auch richtig gute Freunde haben, die nicht derselben Religion angehören.
Wir Ausländer sind wirklich überall herzlich willkommen und man hat nichts dagegen, wenn wir muslimische, indische und chinesische Freunde haben – meistens jedenfalls. Aber all diese Kulturen sind das Wunderbare an Malaysia, denn damit erleben wir einfach viel mehr und man wird noch offener für die anderen Religionen (auch wenn es nicht immer von den Malayen so vorgelebt wird).
Satu Malaysia eins
Aber ich muss betonen, dass es auch viele Leute gibt, die sich für das Völkerverständnis einsetzen, die Religion als – wie ich auch der Meinung bin – einen Weg zum Frieden sehen und nicht zum Streit, und die sich dafür einsetzen, dass der Staat auch innerhalb und komplett Satu Malaysia (Ein Malaysia) wird.
Zum Beispiel war ich Anfang Februar „Thaipusam“ feiern, von dem ich später noch mehr erzählen werde.
Sport:
Endlich ist es mir gelungen, dass ich Sport machen kann! Ich spiele jetzt dreimal in der Woche Handball und zwar in der besten Mannschaft in meinem Bundesland, was man allerdings nicht mit dem europäischen Niveau vergleichen kann. Die Mannschaft spielt ungefähr genauso gut wie meine Mannschaft in meiner Stadt in Deutschland, aber ich freue mich total darüber, da mir Sport hier zwischen den ganzen Essorgien einfach fehlt! Die Mannschaft besteht aus 70% Chinesen und der Rest Muslime, obwohl hier in Perlis die meisten Menschen muslimisch sind. Aber es ist nicht leicht für streng-muslimische Mädchen Sport zu machen. Allein schon, da die Eltern es nicht immer erlauben, ein Kopftuch beim Sport behindert und nicht jeder einen Transport findet, damit man zum Stadium kommt.
Natur:
Perlis mit Reisfeldern
Malaysia besteht hauptsächlich aus Plantagen für Palmen, aus denen dann Öl gewonnen wird. Es ist wirklich merkwürdig, wenn du durchs Land fährst und immer nur auf diese Palmen schaust, sie sind einfach überall. Ich habe mich schon gewundert, als ich angekommen bin, warum das ganze Land von oben einfach nur grün aussieht. Allerdings gibt es hier auch riesige Dschungelreservate und unzählige Reisfelder. Die Natur in Perlis gefällt mir richtig gut! Hier gibt es fast nur Reisfelder, jedoch auch viele kleine Berge, die einfach mal so ohne Anhang irgendwo aus der Erde herausragen und es wachsen hier viele Kokosnusspalmen, Bananenbäume und Mangobäume. Außerdem gibt es in Perlis die größten zusammenhängenden Zuckerrohrplantagen Südostasiens, besonders beeindruckend, wenn man bedenkt, dass Perlis das kleinste Bundesland in Malaysia ist. Und was mich zuerst verwundert hat, dass Bananen hier noch Kerne haben: Sie sind erbsengroß, hart und schwarz, und es ist ziemlich unangenehm auf einen zu beißen, wenn man ihn nicht vermutet
Sprachen:
Hier kommt eine kleine Einführung mit den wichtigsten Wörtern in BM, Bahasa Melayu, Malaysisch:
Selamat pagi → Guten Morgen
Sudah makan? → Schon gegessen (wird verwendet wie) :
Apa khabar? → Wie geht’s?
Khabar baik → Mir geht’s gut
Saya nak makan → Ich möchte essen
Sepap → Lecker
Nama saya Sophie → Ich heiße Sophie
Pandai cakap bahasa melayu? → Kannst du malaysisch reden?
Sikit-sikit → Ein bisschen
Terima kasih → Danke
Sama-sama → Gern geschehen
Und natürlich das, was immer am besten ankommt: Freundlich lächeln und zeigen, dass man sich Mühe gibt
Musik:
Die Musik ist hier natürlich auch überwiegend asiatisch geprägt. Es gibt malaysische Lieder, aber auch chinesische und indische, die stark an Bollywood erinnern.
Alltag:
Mein Alltag ist nicht sehr spannend, aber für mich inzwischen genauso normal wie der etwas hektischere Alltag in Deutschland. Nach der Schule gehe ich ein zweites Mal duschen, danach (Reis) essen und fernsehen, lesen und dann ein bisschen ausruhen, abends wieder essen und mit meiner Familie fernsehen. Gegenüber Deutschland nicht sehr ergiebig und das war wahrscheinlich das Schwierigste für mich. Die Abwechslung in Malaysia ist im täglichen Leben nicht so groß wie in Deutschland, man muss sich selbst beschäftigen und das Beste daraus zu machen. Man gewöhnt sich allerdings sehr schnell an die Ruhe und Gelassenheit Malaysias.