Im Februar 2012 (ja, ich bin etwas spaet ) hatte ich dann das krasseste und gleichzeitig
spannendste Erlebnis, das ich bislang in Malaysia erleben durfte.
Thaipusam ist ein – besonders von Tamilen am Vollmond des tamilischen
Monats Thai (Januar/Februar) – gefeiertes Hindu-Fest. Pusam bezieht sich
auf einen Stern, der während des Festes seine höchste Position erreicht
hat. Thaipusam ist dem Gott Murugan gewidmet und ich hatte das Glück,
dieses Fest in einer der berühmtesten Kulissen für Thaipusam erleben zu
dürfen, in den Batu Caves. Diese liegen 15 km von Kuala Lumpur entfernt,
es ist ein großer Platz mit einer riesigen goldenen Statur des Gottes
davor und einer breiten Treppe mit 272 Stufen hoch zu den Höhlen, in
denen dann die Tempel liegen.

Die Situation am Gitter zum Zug
Wir haben uns also am 7. Februar abends um 21 Uhr mit allen anderen
interessierten Austauschschülern in Kuala Lumpur getroffen, weil wir
dann eigentlich direkt den Zug zu Batu Caves nehmen wollten. Jedoch kam
die hauptverantwortliche malaysische Frau zwei Stunden zu spät, dann
gingen wir natürlich noch einmal essen und haben schließlich um 1 Uhr
morgens den letztmöglichen Zug genommen, was die erste nicht normale
Erfahrung war. Natürlich wollten alle Menschen diesen (letzten) Zug
bekommen und der Zug war unglaublich vollgestopft mit Indern und uns,
insgesamt ungefähr 50 Austauschschülern. Hinzu kam, dass die Klimaanlage
ausfiel und es stickig wurde, jeder schwitzte und sogar eine Frau
starke Atemprobleme bekam. Jedoch kann man in einer solchen Situation
nichts machen, um ihr zu helfen, es gab keinen Platz, keiner wollte
aussteigen und selbst die Frau nicht, was dann das erste Mal war, wo ich
über die Entschlossenheit und Stärke der Inder gestaunt habe.
Nach guten 45 Minuten kamen wir dann endlich an und das Erste, was
wir sahen, waren Menschenmassen, die in unseren Zug wollten, um damit
zurückzufahren! Es sah aus wie eingesperrte Tiere, die gegen die Gitter
drücken und nicht herausgelassen werden können. Wirklich schlimm! Dann
gingen wir auf das riesige Gelände, auf dem es unter anderem einen
kleinen Freizeitpark gab, tausende Shops zum Essen und Trinken und –
Friseure. Gläubige Hindus lassen sich an diesen Tagen den Kopf rasieren,
deswegen sah man immer wieder in den Menschenmassen weiße Köpfe, da
diese nach dem Rasieren mit einer kühlenden Paste bestrichen werden.

Die Milchkännchen
Irgendwann sind wir dann auf dem Hauptplatz angekommen: Solche
Menschenmassen wie dort habe ich noch nie in meinem ganzen Leben
gesehen! Es war echt krass und das Gedränge entsprechend groß. Hier
befinden sich die Menschen, die Opfergaben zu dem Tempel bringen wollen,
sich vorbereiten, indem sie schon mal den Geruch der „Räucherstäbchen“
inhalieren (die in Trance versetzen und den Schmerz (!) lindern sollen),
tanzen und die Opfergaben vorbereiten. Es gibt verschiedene Arten des
‘Kavadi’ (= Opfergabe):
Das einfachste ‘Kavadi’ ist wohl ein Kännchen mit Milch, das mit
einem gelben Tuch verschlossen auf dem Kopf getragen wird! Nein, nicht
freihändig, es wird schon mit einer Hand festgehalten.

Zwei Frauen mit den Speeren durch die Zunge
Außerdem gibt es ein Gestell aus gelb angestrichenem Holz in Form
eines Halbkreises. Dieses Kavadi ist geschmückt, teilweise mit
Pfauenfedern oder Opfergaben für den Gott Murugan und wird auf den
Schultern getragen. Oft tragen die gläubigen Pilger auch kleine Speere,
die durch Wangen oder Zunge gestochen werden oder Haken, die am Rücken
befestigt werden. An den Enden der Haken sind Seile befestigt und
erinnerten mich an die Zügel beim Reiten. Dieser Schmerz erinnert die
Gläubigen also ständig an den Glauben zu ihrem Gott (jedoch ist dieser
Schmerz eher symbolisch gemeint, da sie durch die „Räucherstäbchen“, die
sie die ganze Zeit einatmen, keinen Schmerz fühlen, zum Glück!).

Haken am Rücken und die Menschen, die sie halten
Das wohl Schmerzhafteste, Spektakulärste und Atemberaubendste ist das
‘vel kavadi’. Dabei wird ein tragbarer Altar – der bis zu 2 Meter hoch
sein kann – auf den Schultern getragen und mit 108 sogenannten Vels am
Rücken und Oberkörper festgemacht. Diese Vels werden durch die Haut
gestochen. Diese unfassbare Belastung ist nur durch einen Trancezustand
auszuhalten, in dem sich die Gläubigen befinden und der auch dafür
sorgt, dass die Wunden nicht bluten und keine Narben zurückbleiben.
Diese Altäre wiegen bis zu 70 kg! Aus diesem Grund werden die vel
kavadis meist von mehreren Helfern und auch der Familie begleitet, die
oft auch einen/mehrere Plastikhocker mit sich tragen, um dem tragenden
Mann des ‘vel Kavadi’ zwischendurch immer mal wieder eine
Verschnaufspause zu gönnen. Oft hört man auch die Rufe ‘vel vel, vel
vel’ von den Gläubigen. Vel bedeutet so viel wie Schwert und geht auf
einen Mythos des Gottes Murugan zurück.

Eine Form von Kavadi
Schließlich haben wir es doch geschafft und uns einen Weg durch die
Massen gebahnt, was allein ziemliche Arbeit ist, da man Fotos machen
will, jedoch gleichzeitig den Anschluss an unsere AFS-Gruppe nicht
verlieren darf und am besten die Schultern seines Vordermannes festhält,
da sich sonst lange Menschenschlangen vor einen drängeln und man gar
nicht mehr vorwärts kommt.
Das Krasseste war dann, als eine Frau zu den typisch schweren
Trommelschlägen tanzte und auf einmal einfach so in die Arme einer
anderen Frau kippte. Zuerst hat mich das nicht so gewundert, bei der
Hitze ist es ja nicht verwunderlich, dass jemand umkippt. Jedoch fing
sie dann auf einmal an zu schreien und um sich zu schlagen. Ein Mann
kam, drückte der Frau einen weißen Punkt auf die Stirn und plötzlich
ging es der Frau wieder gut! In diesem Moment war ich nahe daran, an
‘Zauberei’ zu glauben. Danach wurde mir erklärt, dass sich die Frau in
Trance getanzt hat, das mit dem Punkt konnte mir aber keiner erklären.
Das war dann das Krasseste der ganzen Nacht!

Die Menschenmenge
Dann sind wir den (Menschen-)Zügen gefolgt, die zum Eingang der
Höhlen ‘gepilgert’ sind. Diese Züge ziehen sich dann z.B. von dem
hinduistischen Tempel Sri Mahamariamann im Zentrum von Kuala Lumpur ca.
15 km bis zu den Batu Caves. Sie beginnen abends. Den ganzen Weg lang,
tragen diese Gläubigen Opfergaben zu den Batu Caves. Unterwegs findet
man Firmen und Vereine als Versorgungsstationen, um den pilgernden
Gläubigen etwas zu trinken oder zu essen mit auf den langen Weg zu
geben. Diese Züge sind ein einziges Farbenmeer und es ist total schön,
den Menschen einfach zuzuschauen und ihre bunte Kleidung zu bestaunen

Sehen, welche Menschen gelbe Kleidung tragen (Gelb steht für die
Reinheit), denn diese werden tatsächlich den kompletten Weg bis zu den
Batu Caves zurücklegen.

Ein tanzender Mann
Um ca. 6 Uhr morgens haben wir dann total erschöpft die Treppe zu den
Höhlen erreicht, die von unten wie ein richtiges Lichtermeer aussah.
Jedoch waren diese Treppen alles andere als sicher, die Stufen schmal
und voll mit Menschen, verlorenen Schuhen und manchmal kleinen
brennenden Sachen, die von den Altären heruntergefallen sind. Wenn man
sich dann vorstellt, dass ein Mann mit einem ‘vel kadavi’ das
Gleichgewicht verlieren und rückwärts umkippen würde, denkt man besser
nicht weiter! Die Höhle besteht aus 2 Tempeln und mehreren
Gebetsstellen. Sind die Gläubigen in der Höhle angelangt, haben sie es
geschafft

Dort werden ihnen die Nadeln, Haken und Kavadis abgenommen und die
Hautstellen mit Asche eingerieben. Die Kavadis mit den Milchkännchen
werden noch zum Tempel gebracht, wo der Priester die Milch über die
Statue des Gottes schüttet.
Im Übrigen ist es auch keine Seltenheit, Menschen zusammenbrechen zu
sehen, bei dieser Menschenmasse, der Hitze, der Musik und den
tranceähnlichen Zuständen kein Wunder.

Die Menschen auf der Straße
Wieder unten angekommen, sind wir dann erst einmal etwas Essen und
Trinken gegangen. Zwar etwas außerhalb der Massen, aber immer noch
zentral, wo auch die Leute, die mehrere Tage dort blieben, einfach so
auf Zeitungen auf dem Boden geschlafen haben, mitten zwischen den
Menschen und dem Lärm.
Um ca. 7 Uhr morgens mussten wir dann am Bahnhof in die von Gittern
eingeschlossene wartende Menschenmasse, die ich schon bei der Ankunft
mit dem Zug beobachtet hatte. Dieses war für mich das Unangenehmste an
diesem Erlebnis, da man als weißer Mensch einfach Aufsehen erregt, die
Inder dann freundlich-aufdringlich sind und man total eingequetscht
zwischen ihnen ist. Um ca. halb 9 sind wir dann glücklich, total
erschöpft bei unseren zweiten Gastfamilien in Kuala Lumpur angekommen
und haben zuerst eine Dusche und ein Bett genossen.
Zum Abschluss meines Berichts noch die ersten Zahlen in Tamil, natürlich mit unseren Buchstaben aufgeschrieben
1 – Une 6 – Are
2 – Rende 7 – Ele
3 – Mune 8 – Yete
4 – Nale 9 – Ombothe
5 – Anje 10 – Pathe
Insgesamt kann ich nur sagen, dass es eine tolle Erfahrung ist, nicht
als Tourist ein Land zu sehen, sondern mit den Augen eines
Einheimischen, da man ganz andere Erfahrungen macht und das richtige
Leben mitbekommt!