Nun, da ich mich gut eingelebt habe und den Alltag in Malaysia miterleben konnte, möchte ich ein bisschen von meinem Alltagsleben hier erzählen. Am besten fange ich mit meinem Tagesablauf an:
Um 6:15 Uhr stehe ich mit meiner älterern Schwester Nadhrah (16) auf. Wir duschen, natürlich kalt, ziehen unsere Schuluniformen an und packen die Schulsachen. Anschließend gibt es ein schnelles Frühstück und wir bereiten auch unser Essen für die Schule vor. Um 7 Uhr gehen wir dann nach draußen, um auf eine Freundin zu warten, deren Vater uns mit zur Schule nimmt. Meistens warten wir bis 7:15, da hier auf Pünktlichkeit nicht so großen Wert gelegt wird wie in Deutschland. Bis zur Schule nach Kaki Bukit fahren wir ca. 10 Minuten, eine für malayische Verhältnisse kleine Stadt, in Deutschland würden wir es als kleines Dorf bezeichnen. Normalerweise fängt um 7:45 Uhr der Unterricht an, nur am Montag und Freitag starten wir mit einer Schulversammlung, in der die wichtigsten Ereignisse der kommenden Woche besprochen und Schüler geehrt werden, die etwas Besonderes geleistet haben. An den anderen 3 Tagen beginnt der Unterricht – wie schon gesagt – um 7.45 Uhr. Es kann auch passieren, dass die Stunde anfängt und der Lehrer nur kurz kommt, um uns Aufgaben zu geben und dann wieder geht. Da ein Lehrer hier eine große Respektperson darstellt, werden die gestellten Aufgaben dann auch ruhig und diszipliniert erledigt.
Wie ich schon in meinem ersten Bericht erwähnt habe, sind die Lehrer nicht nur sehr respektiert, sondern haben auch gleichzeitig ein viel besseres Verhältnis zu den Schülern, als ich es in Deutschland erlebt habe. Das merkt man zum Beispiel daran, dass mein Schuldirektor nach Schulschluss auf die Schüler, die noch nicht abgeholt wurden, zugeht und sich mit ihnen lange unterhält oder ich von einer Lehrerin für ein Wochenende nach Hause eingeladen werde.
Das Schulwesen ist mit dem in Deutschland nicht vergleichbar, z.B. werden hier die Naturwissenschaften wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie normalerweise auf Englisch unterrichtet, allerdings wird in meiner Klasse im Fach Biologie – wie in den restlichen anderen Fächer übrigens auch – Malaysisch gesprochen. Während die muslimischen Schüler an einer Art Religionsunterricht teilnehmen, gehe ich mit den chinesischen Schülern während dieser Zeit in einen allgemein gehaltenen Ethikunterricht. Die Stunden sollten eigentlich ohne Pause in einander übergehen, da das für die Lehrer aber praktisch nicht durchführbar ist (durch den Wechsel der Klassenräume), bleibt den Schülern zwischen den Stunden glücklicherweise eine kleine Verschnaufpause.
Um 11 Uhr gibt es dann schließlich eine Mittagspause, in der wir das von zu Hause mitgebrachte Essen essen oder in die Schulkantine gehen. Dort gibt es üblicherweise Reis, den man wahlweise mit Ei, Fisch oder Hühnchen bekommen kann. Eine Mahlzeit kostet einen bis drei Ringgit, also umgerechnet ca. 25 bis 75 Cent. Die Mittagspause dauert 20 Minuten, danach haben wir noch einmal bis 14:15 Uhr Unterricht. Anschließend holt uns entweder mein Vater von der Schule ab oder wir fahren mit dem Bus zurück. So sind wir entweder um 14:30 Uhr oder 15:15 Uhr wieder zu Hause, wo wir dann noch einmal essen.
Am Nachmittag erledige ich Dinge wie Hausaufgaben, Wäsche waschen, Kochen lernen, Lesen, Computer, Zeichnen, Malaysisch und Mandarin lernen, mit meiner kleinen Schwester (Afifah, 11 Jahre alt) und ihren Freunden spielen und manchmal kommen uns auch Freunde aus der Schule besuchen. Abends wird dann wieder gemeinsam gegessen, meistens ist die ganze Familie beisammen und wir schauen noch ein wenig Fernsehen. Um ca. 23 Uhr gehen wir dann schlafen.
Da unser Dorf wenig Abwechslung bietet (es gibt 3 kleinere Lebensmittelgeschäfte) freue ich mich immer sehr auf die Wochenenden, an denen ich z.B. von Freunden abgeholt werde, bei ihnen übernachten darf und wir zusammen tolle Dinge unternehmen. Begeistert bin ich auch immer wieder von dem Einsatz des AFS-Komitees vor Ort, die uns Austauschschülern immer wieder ermöglichen einander zu treffen oder uns auch zu besonderen Ausflügen einladen (so habe ich z.B. Langkawi, eine Inselgruppe – aus ca. 100 kleinen Inseln bestehend – besuchen dürfen und reise nächste Woche erneut mit AFS dorthin (davon wird mein nächster MRN-Bericht handeln)).
Außerdem werden wir voraussichtlich einen Ausflug in die Cameron Highlands machen. Und immer wieder lerne ich auch die Freiheit schätzen, die es mir in Deutschland ermöglicht mich frei und unabhängig zu bewegen. Erstaunlich finde ich immer wieder wie schnell ich mich an die neuen Gegebenheiten hier in Malaysia gewöhnt habe.
Außerdem möchte ich noch ein bisschen von der Landessprache Malaysisch erzählen. Malaysisch ist eine nicht sehr bekannte Sprache, trotzdem wird sie von jedem elften Menschen auf der Welt verstanden, da sie Indonesisch sehr ähnlich ist. Malaysisch ist keine schwer zu erlernende Sprache, es gibt keine Artikel, Vergangenheit und Zukunft wird meist aus dem Zusammenhang erkannt oder man benutzt ein Signalwort, Verben werden nicht gebeugt. Ich verstehe schon relativ viel, wenn man sehr langsam mit mir spricht und einfache Wörter benutzt.
Neben Malaysisch wird hier auch noch Mandarin und Hindu gesprochen und da viele Freunde von mir Chinesen sind, versuche ich auch Mandarin zu lernen. Allerdings ist Mandarin sehr schwer, nicht die Grammatik, sondern die Aussprache und die Vokabeln. Mandarin ist eine Silbensprache, das heißt, verschiedene Silben werden aneinandergesetzt und ergeben dann verschiedene Wörter. Außerdem haben die Silben meistens verschiedene Töne, es gibt insgesamt 5 Töne, die alle anders gesprochen werden und die Silben bzw. Wörter haben dann auch eine andere Bedeutung. Bisher übe ich nur die Aussprache und das ist wirklich nicht leicht. Ich lese einen Satz vor, probiere alles richtig zu betonen und trotzdem verstehen mich die Chinesen nur mit größter Mühe. Mandarin wird eigentlich auch mit Zeichen geschrieben, die zum Großteil ziemlich kompliziert sind. Es gibt aber glücklicherweise auch eine Schrift mit arabischen Buchstaben, mit der ich lesen übe.
Malaysia ist technisch sehr gut entwickelt, aber ich spüre – besonders da ich auf einem Dorf wohne – doch noch sehr stark ein ursprüngliches Denken. Viele Leute erzählen sich hier Gespenstergeschichten und glauben auch wirklich an Geister und Gespenster. Meine Schwägerin hat mir erzählt, dass man im Dunkeln nicht allein herumlaufen sollte, außerdem meint sie, dass es Geister gibt, die weiße Menschen fressen (auf meine Frage, warum gerade weiße Menschen, erklärt sie mir: Weil sie hier selten sind und deshalb besonders begehrt!). Ein anderer Austauschschüler darf nicht pfeifen, da das Geister anlockt. Allerdings lachen einige Malayen genauso wie ich darüber, aber es gibt eben auch sehr ängstliche und phantasievolle Menschen.
Wie schon oft in meinem Berichten erwähnt, spielt das Essen in Malaysia eine große Rolle, immer und überall wird einem etwas zu Essen angeboten und es ist sehr unhöflich dieses abzulehnen. Zudem wird das Essen wirklich sehr schmackhaft zubereitet. Da auf der anderen Seite die wenigsten Malayen Sport treiben und sich auch sonst – wie ich finde – äußerst ungern bewegen, bleibt es nicht aus, dass 50% der Frauen und 40% der Männer übergewichtig sind. Hinzu kommt, dass besonders die älteren Menschen immer noch der Meinung sind, dass ein gewisses Übergewicht für Wohlstand steht. Allgemein gesehen ist der Schlankheitswahn – wie wir ihn in Europa finden – hier kaum ausgeprägt.
Frauen haben – zumindest hier auf dem Lande – eher die Rolle der Hausfrau; es gibt auf dem Dorf vergleichsweise wenige Frauen, die außerhalb des eigenen Hauses arbeiten gehen. Ich erlebe die Malaysier alle als sehr offen, gastfreundlich und an mir interessiert. Das Motto von Malaysia ist Satu Malaysia ( “Ein Malaysia” ), was das Zusammenleben vieler verschiedener Kulturen unterstreichen soll und die Eins mit der malaysischen Flagge ist auch wirklich überall zu sehen. Malaysier sind nämlich sehr stolz auf ihr Land!
Außerdem wird am 2.9. der malaysische Unabhängigkeitstag (Merdeka) begangen. Da an dem Tag aber noch Hari Raya (Fest am Ende der Fastenzeit) war, wurde der malaysische Unabhängigkeitstag erst später gefeiert. In der Schule gab es eine Art Aktionstag, an dem man Spiele spielen konnte, es gab Vorträge, verschiedene Schüler haben gesungen und der Direktor hat eine lange Rede gehalten.
Malaysia ist eine parlamentarisch-demokratische Wahlmonarchie. Der König ist das offizielle Staatsoberhaupt, vergleichbar mit unserem Bundespräsidenten. Die eigentliche Regierung ist ähnlich wie unsere westlichen Demokratie aufgebaut: Dem Bundeskanzler von Deutschland entspricht in Malaysia der Premierminister. Dieser steht dem Kabinett vor. Das malaysische Kabinett ist in etwa vergleichbar mit unserem Kabinett. Das Parlament besteht aus Senat (entspricht Bundesrat) und Repräsentantenhaus (entspricht Bundestag). Genau wie in Deutschland (Landesregierung) gibt es in Malaysia auch Landesparlamente. An der Spitze des Landeskabinetts steht der Chief Minister. Trotz der Ähnlichkeiten der politischen Systeme beider Länder wird in Malaysia das Gemeinwohl sehr viel höher als die individuelle Freiheit des Einzelnen gestellt – dieses steht im Gegensatz zur europäischen Auffassung des Demokratieverständnisses.
Ein sehr beeindruckendes Erlebnis war für uns Austauschschüler eine persönliche Einladung des Ministerpräsidenten des Bundeslandes Perlis, Y.A.B. Dato’ Seri Dr. Md. Usa Bin Sabu. Während des Treffens, das im September stattgefunden hat, unterhielten wir uns über die Unterschiede der verschiedenen Kulturen (Belgien, Italien, Malaysia, Deutschland) und deren Auswirkungen auf das Zusammenleben. Wir sprachen auch über unsere neu gewonnenen Erfahrungen in Malaysia. Außerdem bekamen wir die Gelegenheit den Chief Minister persönlich Fragen zu stellen, u.a. wie seine tägliche Arbeit aussieht und was er als Herausforderung in seinem Beruf sieht. Schließlich versprach uns der Chief Minister eine baldige Stadtführung, um weitere Einblicke in die malaysische Kultur zu bekommen. Dieses Treffen wurde von den Gasteltern einer Austauschschülerin in die Wege geleitet und war eine große Ehre für uns alle.
So, das war es jetzt erst einmal wieder von mir,
viele Grüße nach Deutschland,







